Montag, 06.02.2012

Rettungshundearbeit – Was erwartet mich als RH-Führer?


Rettungshunde sind cool! Rettungshunde dürfen überall hin! Rettungshunde sind steuerlich befreit!! Rettungshunde tragen eine tolle Kenndecke und eine noch tollere Marke! Rettungshunde sind überall beliebt! RH-Arbeit ist ein abwechslungsreicher Sport! RH-Arbeit ist cool, man wird von jedem bewundert.

So oder so ähnlich lautet immer noch die landläufige Meinung über Rettungshundearbeit.

Ja, man hat viel Spaß. Man lernt nette Leute kennen, arbeitet mit Hunden und so Mancher geht in der oft so schlammigen Arbeit auf. Man kriecht durch staubige Trümmerteile, gruselt sich vor Spinnen, Mäusen. Wie oft regnet es und du trabst durch die matschige Fläche, der Schlickklumpen unter deinen Stiefeln nehmen monströse Ausmaße an, aber wenn dich der Hund dann findet, du seine Freude siehst, dass er für seine Arbeit gleich seine Belohnung bekommt, dann hat man schnell vergessen, dass zuhause deine Waschmaschine wartet und du wieder mal die Schuhe putzen musst.
Im Sommer ist besonders toll, nach Übungsende sitzt man noch zusammen und grillt vielleicht, spricht über den Tag und macht wieder mal den Vorschlag, die Staffelkleidung doch im Hitzelook zu gestalten, da deine Füße in den festen Stiefeln auf und davon schwimmen.
Bei abendlichen Übungen sitzt man im dunklen Wald im Versteck und hört hier und da was rascheln. Nachtvögel stossen ihre unheimlichen Schreie aus und in dir zieht sich alles zusammen...und du weißt, es ist nur eine Übung.

Mal ehrlich, Rettungshundearbeit ist nicht immer nur Spaß, besonders dann nicht, wenn man mitten in einer stürmigen Regennacht gegen 3.30 Uhr morgens quer durch einen Wald voller Dornengestrüpp läufst, auf der Suche nach einem vermissten Kind. Den Abend vorher haste – zu Deiner Abwechslung – mal wieder mit Freunden verbracht, es wurde später, du warst erst gegen 1 Uhr im Bett. Jetzt stehst du mitten im Wald, wartest darauf dass Dein Hund ne Anzeige macht, versuchst die Gedanken an einen Arbeitsbeginn um 6.30 Uhr zu verdrängen. Geschlafen haste auch noch nicht. DAS ist dann weiß Gott kein Spaß mehr. Das ist Berufung. Eine Lebensaufgabe als Hobby.

Es gibt auch Rettungshundesport, mit gleicher bzw ähnlicher Ausbildung der Hunde wie bei der Rettungshundearbeit. Geeignet für Leute und Hunde die eine abwechslungsreiche Aufgabe möchten, die aber aufgrund persönlicher Neigungen oder Interessen keinen Fulltimejob als RH-Führer aufnehmen können oder möchten.

Die meisten Staffeln bieten eine Probezeit an. Dies dient dazu dass sich der Hundeführer selber testen kann. Bin ich der gewaltigen Aufgabe gewachsen? Kann ich damit leben jederzeit in den Einsatz gerufen zu werden? Kann mein Umfeld (Familie, Freunde, Bekannte) damit leben das ich mitten vom Kaffeetisch verschwinde, um ein Leben zu retten? Und schlussendlich auch: Kann ich mit dem Bewusstsein leben, bei jedem Einsatz schlimmstenfalls ein nicht mehr lebendes Opfer zu finden?
Genauso wie dem potentiellen RH-Führer dient die Probezeit auch der Staffel. Passt das neue Staffelmitglied in unsere Reihen? Ist der neue RH-Führer wirklich für die Arbeit geeignet?

Hast Du Interesse an der RH-Arbeit, dann schau dir die Staffeln in Deiner Umgebung genau an. Trainiere dort, lass dir alles über die Ausbildung, die Zusammenarbeit, über Einsätze und viel mehr erzählen, und dann sei ehrlich. Wirklich ehrlich!!! Zu Dir selbst und vor allem auch der Staffel gegenüber.
Eine Staffel steckt sehr viel Zeit, Arbeit und Energie in die Ausbildung ihrer Mitglieder und Hunde. Es ist immer mehr als Schade wenn ein Staffelmitglied dann einfach aus purer Unlust mit der Arbeit aufhört.
Die Rettungshundearbeit dient nicht dazu einfach mal einen Hund auszulasten, nur weil es gerade in Deiner Gegend keine anderen Möglichkeiten gibt.

Im Rahmen der Ausbildung für dich und deinen Hund und für deine Staffel wirst du viele viele Kilometer mit dem Auto fahren müssen. Und das nicht nur zum Training, sondern auch zu Prüfungen, Einsätzen, Lehrgängen, Vorführungen und anderen Terminen. Und da kommen einige tausend Kilometer im Jahr zusammen, wenn man sich einsatzfähig halten möchte oder muss! Man darf niemals vergessen, daß der Theorieunterricht nicht nur "cool" ist und nicht nur für die Hundeführer, sondern auch absolute Bedingung für Helfer ohne Hund. Wenn der Stoff nicht verstanden wird, langweilig wird, weil er alle 2 Jahre wiederholt werden muss oder du nicht zum Unterricht kommst, weil das Thema doch mal nicht so interessant ist, dann bist Du nicht einsatzfähig. Auch du als Hundeführer musst sehr viel lernen: Funken im BOS-Bereich (wir machen sogar eine Lizenzprüfung), Karte- Kompass (neuerdings sogar mit Überprüfung), Knotenkunde und Bergung, Trümmerkunde, Einsatztaktik, Erste Hilfe am Hund und Menschen und einige andere Dinge stehen auf dem Ausbildungsplan. Das Alles gehört dazu, ein guter Rettungshundeführer oder Helfer zu werden.

Ein RH-Führer muss ständig Kompromisse eingehen, vor allem auch mit dem Arbeitgeber. Denn die Vermissten halten sich selten an Dienstpläne oder Schlafenszeiten. Der Führer eines einsatzfähigen Rettungshundes steht immer auf Abruf.

Das Handy ist das wichtigeste Kommunikationsmittel für einen RH-Führer. Er nimmt es überall mit hin. Sogar ins Bett oder ins Bad. Denn jedes Klingeln könnte einen Einsatz bedeuten.
Das kann auch schon mal bedeuten, dass du den leckeren Oster- oder Weihnachtsbraten beim Familyessen liegen lassen musst, weil selbiges Handy dich zum Einsatz ruft. Dann heißt es wieder raus aus den Freizeitklamotten, rein in die Einsatzklamotten, schnellstmöglich zum Sammelplatz, rein in den Mannschaftstransporter, auf zum Suchgebiet. Und wieder einmal stehst du im Regen im Wald, kämpfst mit stacheligen Brombeerranken, tiefen Pfützen. Verfluchst deine Nachlässigkeit, weil du wieder mal vergessen hast, deine Stiefel einzufetten, während die vermisste Person in irgendeiner Kneipe sitzt und sich den Frust herunter spült.

Für Einsätze bekommt man keine Medaillen, kein Geld und meistens nicht mal ein Danke dafür, dass Du deine entgeisterte Familie am festlich gedeckten Weihnachtstisch hast sitzen lassen, deine eigene Geburtstagsparty ohne dich stattfindet oder deine Kinder dir wohlmöglich das eigentlich gemeinsame Abendessen noch flugs in irgendwelche Tupperdosen packen, weil man ja auf dem Weg zum Einsatzort noch schnell was essen könnte.
In den meisten Fällen findet man in dem zugeteilten Suchgebiet keinen, weil die Person in einem Zug nach irgendwo sitzt oder schon längst wieder zu Hause, man hat bloß vergessen, euch Bescheid zu sagen.
Oder du suchst des Nachts eine selbstmordgefährdete Person, quälst dich durch den Wald, weil du vorher schlaftrunken die Treppe runter gefallen bist. Die Schmerzen sind in dem Moment aber egal, wichtiger ist es den Vermissten zu finden, bevor er sich was antut.
Währenddessen klingelt die Polizei immer wieder an seiner Haustür, um zu schauen ob jemand daheim ist. Als ob ein Mensch, der nicht gefunden werden will, die Tür aufmacht....

Auch ist nicht immer gesichert das man unversehrt aus einem Einsatz zurückkommt. Stürze, Knochenbrüche usw. können immer wieder vorkommen. Das heißt dann, nicht nur arbeitsunfähig, sondern auch einsatzunfähig.

Aber dennoch: Der Staffel gegenüber wäre es sehr unfair, die Ausbildung zu machen und dann doch nicht für Einsätze zur Verfügung zu stehen. Und darum sollte Deine gesamte Familie da mitspielen, denn wie oft fällt das gemeinsame Sonntagsfrühstück aus, weil mal wieder jemand von der Party vorige Nacht nicht nach Hause gekommen ist.
Aber eines sollte Dir bewusst sein, nämlich, dass es gerade du sein kannst, der doch mal eine vermisste Person findet. Genau in solchen Momenten weißt du wieder warum Du diesen Job tust.

Und wenn du Dich trotz aller Widrigkeiten damit identifizieren kannst, dann wirst Du in einer Rettungshundestaffel sehr viel Spaß haben und ich wünsche Dir viele nette Kameraden, viele Freunde und viel Erfolg.


Copyright © M. Polter (BRH-RHS Pinneberg) und M. Schmidt (RHS Ems-Jade)
Inspiriert durch einen Text von M. Polter/BRH-RHS Pinneberg